Auswahl Jahresberichte

JAHRESBERICHT 2013

 
Ein Quartier ist in erster Linie ein Wohnort, und Wohnen ist für uns alle etwas Existenzielles. Die Enge ist eines der attraktivsten Quartiere der Stadt, unter anderem dank sehr viel Grünraum, City- und Seenähe. Die hohe Nachfrage hat eine Schattenseite: Sie führt zu hohen Immobilien- und Mietpreisen. In den vergangenen Jahren sind rund 500 Personen in die Enge gezogen. Mit dem Hürlimann-Areal ist ein neuer Quartierteil mit zahlreichen Wohnungen entstanden, an der Brunaustrasse wurde soeben die erste Etappe des Escherparks bezogen. Weitere Neubauten verändern das Strassenbild. Gleichzeitig haben viele Eigentümer – darunter auch grosse Genossenschaften – ihre Liegenschaften saniert und erweitert. Nicht alles ist architektonisch geglückt, doch das Quartier hat trotz Verdichtung seinen Charakter als locker bebautes Wohnquartier weitgehend erhalten können. Wir wurden insbesondere von den riesigen Wohnsilos verschont, wie wir sie mittlerweile in einzelnen Aussenquartiere Zürichs sehen.
 
Auch Arbeitsplätze wurden etliche geschaffen. So arbeiten heute an die 1‘100 „Zooglers“ und viele andere auf dem Hürlimann-Areal, oder im nun langsam Gestalt annehmenden Neubau der Swiss Re am See. Es geht aber auch klein und fein, man denke nur an den neuen Sitz des internationalen Eishockeyverbands in der Rokoko-Villa Freigut samt Büroneubau von Tilla Theus. Unverändert kommen im Quartier drei Arbeitsplätze auf jeden Einwohner – ein im Vergleich zu anderen Quartieren eine sehr hohe Zahl. Dank einer gewissen Trennung von Wohn- und Arbeitsgebieten verkraftet das Quartier dies gut.
Internationale Ausstrahlung 
Die Kultur kommt in der Enge nicht zu kurz: Das Museum Rietberg hat in dieser Zeit einen aussergewöhnlichen unterirdischen Erweiterungsbau erhalten, und mit dem FIFA-Museum soll im Quartier ein weiterer Publikumsmagnet entstehen). Nur schade, dass die Sanierung der Sukkulentensammlung wegen Geldmangels der Stadt auf sich warten lässt. Doch welches Quartier kann schon für sich in Anspruch nehmen, gleich drei Kulturinstitutionen mit internationaler Ausstrahlung zu beherbergen? Oder besser vier, wenn man auch noch das Tonhalle-Orchester dazu zählt.
 Internationale Ausstrahlung
 
Die schon seit langem diskutierte Erneuerung des Kongresshauses ist hingegen in den letzten zwölf Jahren kaum vom Fleck gekommen, trotz mittlerweile dringender Sanierung: Das Neubau-Projekt des spanischen Star-Architekten Moneo erwies sich aufgrund seiner Dimensionen und vor allem vom juristischen Konstrukt her als nicht mehrheitsfähig. Nun scheint etwas Bewegung in die Sache zu kommen, indem eine sanfte Sanierung mit Erweiterung zum See hin ins Auge gefasst wird. Sehr viel schneller entstanden auf Nachbargrundstücken wichtige Überbauungen wie das Parkhotel Hyatt und der Stockerhof.
Quartier versorgt sich von aussen 
Die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs war schon vor zwölf Jahren nicht berauschend. Aufgrund der nahen City mit ihrem grenzenlosen Angebot gibt es immer weniger Detailhändler im Quartier. Engagierte Bewohnerinnen haben hat versucht, Gegensteuer zu geben: Der sympathische Quartierladen Suschnoöppis musste leider nach kurzer Zeit wieder dicht machen. Immerhin: „Den Senf dazu“ versorgt das Quartier schon seit 2003 mit Comestibles. Und auch der vom Quartierverein betriebene Engemer Wochenmarkt auf dem Tessinerplatz besteht zwar schon seit mehreren Jahren, ist jedoch noch immer ein zartes Pflänzchen und kann aus Platzgründen nur eine beschränkte Auswahl an Ständen anbieten.
 
Der Tessinerplatz ist der Ort, welcher am ehesten den Mittelpunkt des Quartiers darstellt, auch wenn er vor allem als Pendlerdrehscheibe dient. Schön, wurde er 2006 aufgewertet und neu gestaltet. Schade hingegen, dass es trotz Demarchen des Quartiervereins immer noch nicht mehr Sitzgelegenheiten hat, und dass das Innenskelett des ehemaligen Engi-Märt-Gebäudes schon viel zu lange als hässliche Bauruine den Betrachter (ver)stört.
Verkehr: Nutzen und Belastung 
Das – schon vor zwölf Jahren sehr gute – Angebot des öffentlichen Verkehrs hat sich kaum verändert. Noch immer ist der 7er in den Stosszeiten manchmal überfüllt, und der 66er Bus verkehrt nur zu den Stosszeiten an die Sihlstrasse – trotz der Bevölkerungszunahme im Hürlimann-Areal. Der neue Bahntunnel zwischen dem Bahnhof Wiedikon und Thalwil hat für die Berufspendler in der Enge negative Folgen – der Bahnhof Enge wird seither von der S-Bahn spürbar schlechter bedient. Die Verlängerung der Tram-Linien 5 und neuerdings auch 17 Richtung Albisgüetli hat hingegen die Kapazitäten massiv erhöht.
 
Der Privatverkehr wurde durch Tempo-30-Zonen beruhigt und kanalisiert. Heute steht nun auch die Temporeduktion aus Lärmschutzgründen zur Diskussion. Verliefen früher die verkehrspolitischen Fronten zwischen den Parteien, wo man sich trefflich über den „Brunau-Riegel“ zu ereifern vermochte, so mischen nun zunehmend auch Bund und Kanton mit: Mit der Eröffnung des Üetliberg-Tunnels wurden die „flankierenden Massnahmen“ zum Schlüsselbegriff in der Diskussion. noch streiten die Experten, ob die Enge deswegen tatsächlich deutlich mehr Verkehr aushalten muss oder nicht. Fragt man die Anwohner, ist die Antwort ein klares Ja.
Der Quartierverein integriert 
Natürlich hat sich auch der Quartierverein in den vergangenen zwölf Jahren spürbar verändert. Das Interesse der Bevölkerung ist gestiegen, wie die Mitgliederzahlen beweisen. Gleichzeitig ist es nicht einfach, den Zusammenhalt der Bevölkerung aufrechtzuerhalten, da diese immer mobiler wird. Gerade in der Enge sind zahlreiche Expats zu Hause, die sich nur vorübergehend im Quartier niederlassen, bevor sie wieder weiter ziehen. Der jährliche Neuzuzügeranlass des Quartiervereins findet nicht mehr auf Zürich-Deutsch statt, sondern auf Hochdeutsch. Jedoch garantiert dies nicht, dass alle Teilnehmer mitkommen, manchmal braucht es auch noch eine Übersetzung auf Englisch, Französisch oder Spanisch. Dass dies problemlos möglich ist, zeugt von der polyglotten Weltgewandtheit der Eingeborenen...
 Der Quartierverein integriert
 
Der Quartierverein versteht sich nicht nur als Lobby der Ansässigen, um deren Interessen gegenüber der Stadt oder Bauherren zu vertreten. Er engagiert sich auch für die immaterielle Lebensqualität, die durch persönliche Beziehungen, Begegnungsmöglichkeiten und Integration entsteht. Noch vor zwölf Jahren, als ich zum den Präsidenten gewählt wurde, organisierte der Quartierverein Enge jährlich im Kirchgemeindehaus ein Ländlerkonzert mit Appenzeller Streichmusik. Dies wäre heute nicht mehr vorstellbar. Doch damals wie heute geht es darum, gemeinsam etwas zu schaffen, was wir alle – auch wenn wir weit gereist und hoch mobil sind – für unser Wohlbefinden brauchen: Heimat.